geb.1937 –      / Sozialarbeiter, Diplom-Pädagoge, Autor
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Zur Funktion der Großsteingräber

Hermann Speckmann

Wenn der Besucher vor einem Großsteingrab steht und sich fragt, warum haben Menschen diese dicken Steine zusammengetragen, dann ließt er auf den Hinweisschildern das, was er sieht.

Im Folgenden versuche ich Antworten auf obige Frage zu finden. Ausgehend von den materiellen Befunden an und um die Hünengräber beschreibe ich kurz den Kern der Gedankenwelt der Erbauer, aus der sich die Motive zum Bau erschließen lassen. Ein Versuch in die Tiefe der Zeit zu blicken. Diese Aussagen sind nicht im strengen Sinne beweisbar, aber begründbar.

Um den Sinn seiner Existenz zu erfassen, konnte der frühe Mensch als Erkenntnismöglichkeit nur die Abläufe in der Natur erklärend heranziehen: Ihr Vergehen im Herbst, die Wiederkehr im Frühling. Die Sonne wurde im Osten geboren und starb im Westen, reiste durch die Unterwelt und wurde am frühen Morgen wiedergeboren. Nach drei Mal neun Nächten „starb“ der Mond und blieb drei Nächte unsichtbar, dann erschein er im Westen wieder als Horn. Die menschliche Existenz wurde mit dem analog-zyklischen Denkmuster gedeutet: So wie die Naturabläufe, so der Ablauf des menschlichen Lebens. Die Erfahrung der Kreisläufe zwang geradezu zu der Vorstellung, dass das Leben auf Vergehen hinausläuft, durch den Tod geht und sich wieder zum Leben erneuert. Der Tod hatte seinen Schrecken verloren, weil es kein Ende gab, sondern einen Kreislauf des Lebens. Die Menschen der Großsteingräberkulturen waren aufgehoben im Rhythmus ewiger Wiederkehr.

Durch dieses analoge Denkmuster war der Mensch mit dem Kosmos und seinen Rhythmen verbunden, die dann auch seine kultischen Handlungen bestimmten.

Das Ergebnis des Erkenntnisprozesses wird weiter begründbar, wenn die sich daraus ergebenden kultischen Handlungen betrachtet werden: Die Funktion eines Großsteingrabes ergibt sich aus der schlichten Betrachtung. Dazu eignet sich sehr gut das wiederhergestellte Großsteingrab an den Kleinenknetener Steinen bei Wildeshausen. Die Anlage liegt dort wie ein Mensch, fast mittig die Grabkammer, der Uterus und der Eingang die Vagina und die darüber befindliche Erdschüttung ihr schwangerer Leib.

In dieser Geburtshöhle wirkte ein Wesen, das als Dolmengöttin bezeichnet wird. Dargestellt als Ritzzeichnung auf Steinen: Eulenhafte Augen, Halsbänder, umgürtet mit einem Doppelgürtel, ohne Mund. Ein Wesen, das in der Vorstellungswelt der Hünengräberleute in dieser Mutterhöhle in geheimnisvoller Verborgenheit Verstorbene erneut zur Wiedergeburt verhalf.

Erkennbar wird dieser regenerative Zyklus beispielhaft durch den Menhir von Langeneichstädt, Kreis Querfurt, der die Funktion der Dolmengöttin verdeutlicht. Er fand sich in einer megalithischen Kammer und war als Phallusstele erkennbar. Am Scheitel des Menhirs fanden sich Ritzzeichnungen, die die Dolmengöttin andeuten. Der Menhir war doppelgeschlechtlich, hatte somit alle Voraussetzungen neues Leben zu erzeugen. Der Verstorbene der Siedlungsgemeinschaft wurde in den Uterus des Großsteingrabes gebracht, und die Dolmengöttin sorgte mit ihrer Gestaltungsmacht für seine Wiederkehr. Da ein Bauer auf die Vorleistungen seiner Vorfahren angewiesen ist, sollte die Gemeinschaft mit ihnen aufrechterhalten werden.

Die Funktion der Dolmengöttin war im analogen Denksystem dem irdisch-kosmischen Geschehen nachgebildet und wurde wohl im Verlauf einer Entwicklung gestalthaft.

Vielleicht deutet auch die mit den Grabgehegen verknüpfen Sagen von den „Witten Wiewer“ (Weißen Frauen), die bei Geburten zur Hilfe gerufen wurden, auf die Dolmengöttin hin.

Das sehr viele Großsteingräber ihre Öffnung zur Südseite haben, ist die Vorstellung nach dem Denkmuster der Großsteingräberleute naheliegend, dass die Strahlen der Sonne phallusähnlich zu bestimmten Zeiten zeugungsmächtig in das irdene Grab, die Mutterhöhle, strahlen musste. Erforderlich war für das Wiedergeburtsritual die Zeugungskraft von Himmel und Erde.

Eine häufig anzutreffende Ritzung auf megalithischen Steinen ist die Spirale. Sie dürfte die Grundvorstellung der Wiederkehr bestätigen. Die einfache Spirale schwingt von innen nach außen und symbolisiert den Lebenslauf des Menschen. Im Spiralschoß entsteht neues Leben und dann in gegenläufigen einschwingenden Bewegungen der Weg zur Wiederkehr.

Dieses steinzeitliche Mysteriendrama dürfte der Kern der Denklogik der Großsteingräberleute gewesen sein. Ein Existenzerklärungsmodell, das er durch exakte Naturbeobachtung entwickelte, war faktenbegründet, kein Glaube.

Kultische Handlungen außerhalb des Großsteingrabes
Die Funde dokumentieren, dass um die Gräber kultische Handlungen stattfanden. Zumindest zwei sind hinreichend nachgewiesen:

Am Hünenbett I in Kleinkneten fand der Ausgräber Karl Michaelsen rechts vom Eingang ein eingegrabenes Gefäß mit einem Wildschweinnacken. Opfer im Rahmen einer Festlichkeit? Die ungeheure Fülle von zerscherbten Keramikgefäßen an den Gräbern, die der Witterung ausgesetzt waren, deuten daraufhin, dass dort gegessen und getrunken wurde. Am Grab „Am Schießstand“ in Dötlingen wurden 12 Zentner Scherben geborgen. Möglicherweise wurden die Gefäße absichtlich zerbrochen, weil sie in der Vorstellung der Nutzer im Jenseits wieder ganz wurden.

An einigen Großsteingräbern sind Rondellanlagen nachgewiesen, so dass auf Prozessionswegen rituelle Umzüge um das Grab möglich wurden. Brandspuren deuten auf Feuerplätze hin, vielleicht wurden bei den Umzügen Feuer mitgeführt.

Schamanen
Es wäre sehr verwunderlich, wenn nicht Schamanen an den kultischen Handlungen an den Steinen beteiligt gewesen wären. Sie dürften sich in allen alten Kulturen finden. Der Schamanismus ist ein Handlungssystem, das entsprechend disponierte Menschen in einer Lehrzeit vermittelt wird. Es ist ein inneres Erfahrungserleben, kein von außen herangetragenes Glaubenssystem. Da bei allen Menschen die Funktionen des Nervensystems gleich sind, produziert es im veränderten Bewusstseinszustand auch gleiche Ergebnisse bei ihnen (Anthropologische Universalie). Da also das Universum der Schamanen auf der Welt gleich, aber kulturell bedingt leicht unterschiedlich ist, lassen sich Aussagen über die Grundaufgaben des Schamanen an den Großsteingräbern treffen: Sicherstellung von Harmonie und Schutz der Gemeinschaft, Krankenheilung, Führung von Sterbenden und Unterstützung der Regenerationskräfte. Hinweise auf die Anwesenheit von Schamanen erbringen die aufgefundenen Trommeln, dem Reittier des Schamanen sowie durchbohrte Tierzähne und Raubtierknochen an Skeletten.

Der erste Impuls, künstliche Höhlen einzurichten, also Großsteingräber, könnte der Notwendigkeit geschuldet sein, dass Schamanen für ihre Praxis, besonders für die Initiation, Höhlen benötigten. Die Grabkammer wäre dann nicht nur ein Wandlungsort für die Mitglieder einer Hofgemeinschaft, sondern auch fürSchamanen.

Literatur: Speckmann, Hermann: Der Glaube der Großsteingräberleute. Oldenburg (Isensee), 2018